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Coming out im Job: Warum es wichtig ist — und wie es euch gelingt


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Man könnte meinen, dass die Arbeitswelt im Jahr 2021 mittlerweile offener im Umgang mit verschiedenen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten ist. Allerdings gibt es noch viele LGBTQI*-Menschen, die sich in ihrem Job lieber nicht outen, weil sie Angst vor Mobbing und Diskriminierung haben. Verschiedene Studien zeigen, dass dies tatsächlich noch passiert. Sie zeigen auch, dass Betroffene schwer unter den Folgen leiden, psychisch und physisch. NewsABC.net hat mit verschiedenen Personen darüber gesprochen, warum und wie sie sich in ihrem Job geoutet haben — oder eben nicht.

Der Begriff LGBTQI* umfasst lesbische, schwule, bisexuelle, queere, trans- und inter*-Personen und (mit dem Sternchen symbolisiert) solche, die sich keiner dieser Identitäten eindeutig zuordnen möchten.

LGBTQI*-Menschen haben öfter mit psychische und physischen Problemen zu kämpfen

Eine neue Studie der DIW von Februar 2021 zeigt, dass bei LGBTQI*-Personen dreimal so häufig Depressionen und Burnout diagnostiziert werden wie bei heterosexuellen Menschen, die sich mit ihrem gegebenen Geschlecht identifizieren. Auslöser dafür sind den Autorinnen und Autoren der Studie zufolge Anfeindungen und Ablehnung.

Bei Trans*Menschen — also Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt gegeben wurde — kommen der Studie zufolge Schlafstörungen, Nervosität und allgemeine Niedergeschlagenheit viel häufiger vor als bei Menschen, deren Geschlechtsidentität mit der übereinstimmt, die in ihrer Geburtsurkunde steht („cis“ gennant).

Doch nicht nur die Psyche, auch der Körper leidet: LGBTQI*-Menschen leiden durchschnittlich doppelt so oft an Herzerkrankungen wie die restliche Bevölkerung, auch chronische Rückenschmerzen kommen deutlich häufiger vor — stressbedingte Leiden, vermutet die Forschungsgruppe.

Eine andere Untersuchung des DIW aus dem Jahr 2020 zeigt, dass LGBTQI*-Menschen im Schnitt eine bessere Schulbildung als heterosexuelle Menschen haben. Und trotzdem erlebt mindestens jede*r Dritte nach eigenen Angaben Diskriminierung am Arbeitsplatz. Bei Trans*Personen liegt dieser Satz noch höher: 43 Prozent von ihnen geben an, in den vergangenen zwei Jahren im Arbeitsleben diskriminiert worden zu sein.

„Geoutete Mitarbeitende sind besser in ihrer Arbeit“

Holger Reuschling ist Vorstandsmitglied im Völklinger Kreis, einem Berufsverband schwuler Führungskräfte und Selbstständiger. Er selbst führte als Direktor verschiedener Standorte der Commerzbank und Dresdner Bank ein „klassisches Doppelleben“, wie er selbst sagt. Erst mit 44 Jahren vollzog er sein berufliches Outing. Mittlerweile ist er selbstständig als Berater für Gründer, Startups und mittelständische Unternehmen tätig. Außerdem verantwortet er das Future Leaders Programm des Völklinger Kreises für junge schwule Männer, um sie auf dem Weg in die berufliche Karriere und Führungsaufgabe zu begleiten und zu stärken.

„Die jungen Männer, mit denen ich arbeite, sind extrem gebildet — die meisten haben ihren Bachelor und Master mit Bestnoten abgeschlossen, sind Stipendiaten und engagieren sich zusätzlich noch ehrenamtlich“, erzählt er NewsABC.net. „Trotzdem sind viele noch sehr vorsichtig, was ihre Offenheit angeht.“ Es sei sehr schade um diese Mega-Talente, wenn sie ihr Potenzial und ihre Energie nicht in die Arbeit investieren, sondern nur darauf fokussiert seien, sich anzupassen. Dabei sind „geoutete Mitarbeitende authentischer und besser in ihrer Arbeit“, sagt er.

Reuschling betont, dass es nicht um das Sexleben der Personen geht. „Immer wieder hört man solche klischeehaften Sprüche wie ‚Ich will doch gar nicht wissen, was der oder die im Bett treibt‘. Es geht darum, dass ich auf meinem Schreibtisch auch ein Bild von meinem Mann stehen haben möchte, so wie mein heterosexueller Kollege es von seiner Frau hat. Oder in der Kaffeeküche erzählen, was ich am Wochenende oder im Urlaub unternommen habe, anstatt ständig zu lügen.“

Ob sich jemand outet, hängt auch von der Branche ab

Die Studie des DIW zeigt allerdings, dass etwa 40 Prozent der trans*, homo- oder bisexuellen Arbeitnehmer und Arbeitehmerinnen gegenüber ihrer Vorgesetzten nicht geoutet sind. Außerdem hängt das Outing auch oftmals von der Branche ab, in denen die Personen arbeiten. In den Wirtschaftszweigen Gesund- und Sozialwesen, sowie der Kunst- und Unterhaltungsbranche sind über 74 Prozent der LGBTQI*-Menschen geoutet. In der Land- und Forstwirtschaft hingegen sind es nur 57 Prozent.

David Köhler erzählt, dass er schon bei seinem Studium bewusst den Schritt in eine Branche gegangen ist, bei dem er als Homosexueller vermutlich nicht so viel Diskriminierung erfahren würde.

„Ich war mir nicht sicher, ob ich Architektur oder Kunstwissenschaft studieren möchte“, sagt er. „Ein Grund, warum ich mich gegen Architektur entschieden habe war das männlich dominierte Umfeld. So ist man als Architekt ja beispielsweise auch Ansprechpartner auf Baustellen. Der Gedanke, in so einem so hetero-männlichen Umfeld zu arbeiten, war auch ein Faktor, weshalb ich mich gegen das Studium entschieden habe.“

Knapp ein Drittel spricht im Job mit niemandem über ihre Sexualität

In der ausführlichen Studie „Out im Office?! Sexuelle Identität und Geschlechtsidentität, (Anti-)Diskriminierung und Diversity am Arbeitsplatz“ untersuchten Prof. Dr. Dominic Frohn, Florian Meinhild und Christina Schmidt vom INeKO Institut an der Universität zu Köln die Arbeitssituationen von Personen verschiedener sexueller Identitäten und Geschlechtsidentitäten. Sie werteten dazu die Daten von 2.884 Personen aus, die Fragebögen zu ihrer Sexualität, Identität und ihrem Berufsalltag ausfüllten.

Von den schwulen und lesbischen Befragten gaben 30,6 Prozent an, mit niemandem aus ihrem beruflichen Umfeld über ihre Sexualität zu sprechen.

So erzählt beispielsweise Susann NewsABC.net über die Erfahrungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Uni. Susann möchte anonym bleiben, weshalb ihr Name von der Redaktion geändert wurde. „Obwohl ich während des Studiums mit meiner Homosexualität offen umgegangen war, zögerte ich beim ersten richtigen Job — auch weil ich nicht wusste, wie viel Privatleben ‚professionell‘ ist“, erinnert sie sich.

Besonders eine Szene hat sich in ihr Gedächtnis gebrannt: Als ein offen homosexueller Bewerber seine Bewerbungsunterlagen einreichte. Kaum schloss sich die Tür, entfuhr es einem ihrer Kollegen: „Wenn der hier anfängt, hör‘ ich hier auf.“ Ein anderer ergänzte: „’Ne Schwuchtel als Tippse braucht wirklich keiner.“ In dem Moment wusste Susann, dass sie sich nicht vor ihren Kollegen würde outen können. „Mein Sportkollege Peter bot sich als Alibi-Freund an. Er holte mich einmal pro Woche in der Mittagspause ab und wir hielten Händchen“, erzählt sie. „Meine Freundin war im Institut offiziell nur meine ‚Mitbewohnerin‘.“

Mittlerweile arbeitet Susann in einem anderen Unternehmen. Dort hat sie klar kommuniziert, dass sie lesbisch ist. „Bei einem Arbeitgeberwechsel ist mein Familienkonstrukt und die Lebenssituation Inhalt des Vorstellungsgespräches“, sagt sie. „Anders brauchen wir heute nicht mehr anzufangen.“

Besonders Trans*Personen haben seltener ein berufliches Coming out

Drei Viertel der Trans*Personen gaben bei der „Out im Office“-Studie zwar an, dass sie heute offener mit ihrer Geschlechtsidentität umgehen als noch vor zehn Jahren. Aber trotzdem sprechen 70 Prozent der Befragten nicht oder mit nur sehr wenigen Kolleginnen und Kollegen oder Führungskräften über das Thema.

Laura Schulze-Kölln hatte mit Anfang 40 ihr berufliches Coming-out als Trans-Frau. Damals arbeitete sie in einem Call-Center. „Mein Coming-out war tatsächlich sehr nüchtern. Ich habe an meinen Teamleiter eine E-Mail geschrieben und gesagt, dass ich ab heute Laura genannt werden möchte“, erzählt sie. Die Reaktionen waren insgesamt positiv. Zwar hat es ein wenig gedauert, bis alle Dokumente und beispielsweise ihre E-Mail-Adresse geändert wurde. Aber insgesamt sind die meisten Kolleginnen und Kollegen gut mit dem Thema umgegangen.

„Dann ist jedoch etwas passiert, dass ich jetzt im Nachhinein als sehr diskriminierend empfinde: Meine Firma hat bei einem unserer Kunden nachgefragt, ob es denn in Ordnung sei, wenn jetzt eine Trans-Frau im Team arbeitet. Damals habe ich es erstmal so hingenommen, heute denke ich, dass das eine ziemliche Frechheit ist“, sagt sie. „Es ist doch egal, welches Geschlecht man hat. Ich als Mensch und meine Leistung sind doch wichtig.“

Mittlerweile schult sie um, zur Heimerzieherin. Durch ihr Coming out hat sie gemerkt, dass sie lieber im sozialen Bereich tätig sein will. Bei Praktika in Kinderheimen hat Laura festgestellt, dass den Kindern ihre Geschlechtsidentität ziemlich egal ist. „Es sind eher die Erwachsenen, die dann die Nase rümpfen. Daher ist Aufklärung so wichtig.“

Welche Auswirkung hat die Unternehmenskultur auf das Coming out?

Dominic Frohn und sein Team von der Uni Köln untersuchten für ihre Studie auch, wie die Betroffenen das Arbeitsklima in ihrem Job bewerten. 43,4 Prozent der lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen (LSB-Personen) berichteten, dass kein Netzwerk in ihrem Unternehmen existiert, in dem man sich austauschen kann. Bei Trans*Personen waren es 46,9 Prozent. 14 Prozent der LSB-Befragten sagten außerdem, dass sie das Klima in ihrer Firma als nicht gut einschätzen. Fast die Hälfte der Befragten hat schon erlebt, dass unangenehme Witze über schwule, lesbischen und bisexuelle Personen gemacht wurden.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es deutliche positive Zusammenhänge zwischen dem Diversity Management, der Unternehmenskultur und dem Outing gibt. Und ein offener Umgang damit hat wiederum Auswirkungen auf die einzelnen Angestellten und somit auch auf das gesamte Unternehmen. „Personen, die offener sind, verwenden weniger Ressourcen darauf, sich über ihr Verhalten am Arbeitsplatz zu machen“, schreiben die Autorin und Autoren der Studie. „So haben sie mehr Kapazitäten frei und können sich besser der Arbeit widmen.“

Holger Reuschling vom Völklinger Kreis betont, dass auch Straight Allies ein
wichtiger Faktor sind. Dabei handelt es sich um Menschen, die zwar selber nicht zur LGBTQI*-Community gehören, sich aber als „Verbündete“ trotzdem für das Thema einsetzen. „Wenn eine heterosexuelle Chefin oder Chef, Kollegin oder Kollege offen sagt ‚Hey, die Thematik ist mir wichtig und ich setze mich für euch ein‘, ist das ein wichtiger Schritt für die Sichtbarkeit und eine offene Unternehmenskultur.“ Auch als heterosexuelle Führungskraft sollte man Farbe bekennen und Rückgrat zeigen, sagt der Unternehmensberater.

„Aber natürlich wünsche ich mir auch mehr Sichtbarkeit von LGBTQI*-Führungskräften. Es wäre schön, eine möglichst vielfältige Chefetage in den verschiedenen Unternehmen zu finden“, erklärt Reuschling. So könne man auch jungen Menschen zeigen: Auch wenn du geoutet bist, kannst du es nach ganz oben schaffen.

Diese DAX-Unternehmen setzen sich am meisten für diverse Unternehmenskultur ein

Als Leitunternehmen der deutschen Wirtschaft geben die DAX 30 auch im Bereich ihres Diversity Managements eine Richtung vor, an der sich andere Unternehmen orientieren. 

Das Sozialunternehmen UHLALA hat untersucht, in welchem der 30 Firmen bewusst eine offene Unternehmenskultur gelebt wird.

Im Dax 30 LGBT+ Diversity Index 2020 belegt das Softwareunternehmen SAP den ersten Platz des Rankings, gefolgt von der Deutschen Bank und Siemens. Am schlechtesten schneidet in der Liste dagegen bisher E.On, Deutsche Wohnen und Linde ab.


Uhlala Group

An wen kann man sich wenden, wenn man Unterstützung sucht?

Mittlerweile gibt es viele LGBTQI*-Vereine, die Menschen bei Fragen und Sorgen unterstützen. Auf dem Regenbogenportal der Bundesregierung findet ihr viele Anlaufstellen und Informationen zu verschiedenen Fragen. Auch der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) hat verschiedene Angebote. Das Projekt „Queer am Arbeitsplatz“ des LSVD Sachsen bringt Menschen aus Unternehmen, Verbänden und Gewerkschaften zusammen, um die Regenbogenkompetenz in der sächsischen Arbeitswelt zu erhöhen.

Die Proud at Work-Foundation setzt sich ebenfalls gegen Homophobie und Diskriminierung im Arbeitsumfeld ein. Der Berufsverband Völklinger Kreis unterstützt schwule Führungskräfte und Selbstständige.

Falls ihr euch Beratung zu Themen wie Coming out, psychische und körperliche Gesundheit, Beziehungsfragen oder Diskriminierung wünscht, könnt ihr die Rose Strippe anrufen unter 0234 19446. Auf queer.de findet ihr Hilfsangebote bezüglich der Corona-Pandemie.

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