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Jobkrise: Wie die Pandemie Frauen ins Abseits drängt und was jetzt hilft


Omar Lopez, Unsplash

Frauen sind inspirierend. Und Lichtblicke für die Welt: Auf Kamala Harris etwa, der ersten Schwarzen US-Vizepräsidentin, ruhen große Hoffnungen. Ebenso auf der neuen Präsidentin der Welthandelsorganisation (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala aus Nigeria. „Die Mächtigen nerven“ und die Männerwelt aufmischen: Darum ging es auch Carla del Ponte, Ex-Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Vorbilder: Es gibt so viele.

Und im Kleinen? Viele Frauen machen die Welt besser, wenn man sie lässt, nicht einsperrt, mundtot macht oder verletzt. Zum Weltfrauentag am 8. März ist aber auch das Fakt: Sie kämpfen — um ihr Leben, durch eine Zunahme an Gewalt. Um reelle Arbeitsbedingungen. Um gerechte Löhne. Um Partner, die sich mit kümmern (oder zahlen). Um Sichtbarkeit.

Corona verschärft ihre Jobsituation. In Japan stieg in der zweiten Welle der Pandemie die Suizidrate von Frauen um 37 Prozent — das Fünffache der Rate der Männer. Die Krise traf in Japan vor allem Industrien mit hohem Frauenanteil und erhöhte den Druck auf erwerbstätige Mütter, ihre Löhne, ihre häusliche Situation.

Nicht nur im von überdurchschnittlich vielen Arbeitsstunden geprägten Japan, einem Land mit starken Hierarchien, sind Frauen unter Druck. Der Lockdown trifft sie generell stärker als Männer, auch hier. Und womöglich langfristig. Corona ist für Frauen vielfach ein „Rollback“.

„Der Lockdown und seine psychischen Folgen trifft Frauen stärker“

Der Anteil der Familien, in denen die Frau die Kinderbetreuung fast vollständig alleine stemmt, hat sich in der Pandemie verdoppelt, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Was der erste Lockdown 2020 für das Einkommen, die Arbeitszeit und den Anteil an unbezahlter Sorgearbeit durch Frauen bedeutet, untersuchte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Ergebnis: ein starker „Gender Time Gap“, ein Rückstand von Frauen also bei der durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeit. Denn vor allem Mütter reduzierten ihre Arbeitszeit im Job. Sie betreuten ihre Kinder bei geschlossenen Schulen und Kitas. Im April 2020 lag der Anteil der Frauen mit verringerter Arbeitszeit bei 24 Prozent (bei Männern: 16 Prozent).

„Frauen reduzierten ihre Arbeitszeiten häufiger wegen Kinderbetreuung, während Männer aufgrund von Kurzarbeit oder anderen betrieblichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus kürzer arbeiten,“ sagen die WSI-Forscherinnen Dr. Yvonne Lott und Dr. Aline Zucco. Schon vor der Krise war in Deutschland fast jede zweite Frau (46 Prozent) in Teilzeit beschäftigt, aber nur 11 Prozent der Männer.

Erfreulich: Die Forscher sehen auch mehr Geschlechtergerechtigkeit. Laut Studie verbrachten Väter in der Pandemie mehr Zeit mit Sorgearbeit. Nur: Die Nachteile von Frauen am Arbeitsmarkt gleicht das nicht aus.


Hans-Böckler-Stiftung/WSI

Folgen des „Mental Load“ bei Frauen: Ängste und Depressionen

Die Krise trifft Frauen vor allem psychisch. Der HR Report der Online-Stellenbörse Monster ermittelte in einer Umfrage im Herbst 2020 die Belastung von Angestellten weltweit. Sie litten unter Ängsten (32 Prozent der Befragten), Kopfschmerzen durch zu viel Bildschirmzeit (16 Prozent), Depressionen (14 Prozent). Frauen spüren das stärker als Männer: 36 Prozent litten in der Krise unter arbeitsbedingten Ängsten,13 Prozent unter Einsamkeit.

Die Gründe dafür finden sich nicht nur in den Jobs von Frauen, die etwa mehr als 70 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen stellen. „Ein Grund ist auch ihre Mehrfachbelastung“, sagt Katrin Luzar, Expertin für Karrierethemen bei der Jobplattform Monster. 78 Prozent der Frauen mit Kindern arbeiten. „Frauen halten auch zu Hause die Dinge am Laufen, koordinieren Hausputz und Einkäufe, Verabredungen und Geburtstage, Arzt- oder Handwerkertermine“, sagt Luzar. Der damit verbundene „Mental Load“ — unsichtbare Denkarbeit — sei „eine Belastung, die viele Frauen praktisch alleine schultern“.

„Wer als Frau zu 100 Prozent gesehen werden will, muss 150 Prozent Leistung zeigen“

Das bestätigt Bertolt Meyer, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der TU Chemnitz. „Frauen sind deutlich stärker vom Lockdown und dessen psychischen Folgen betroffen als Männer, vor allem, wenn sie im Home Office arbeiten“, sagt der Forscher. Er fand das in Studien zum Effekt des Lockdowns und der Arbeit im Home Office auf Angestellte heraus.

Die Belastung belegen auch andere Studien der letzten Jahre, darunter eine Studie aus Schweden, für die berufstätige Eltern mit kleinen Kindern befragt wurden. Berufliche Autonomie und Unterstützung durch die Partnerin oder den Partner federten psychische Auswirkungen der Pandemie für Frauen zwar ab. Nicht aber ihre Mehrfachbelastung. „Sie kennen vielleicht den Spruch ‚Wer als Frau zu 100% gesehen werden will, muss 150% Leistung zeigen‘“, sagt Meyer. „Das geht auf Dauer nicht spurlos an der Psyche vorbei.“ 

„In der Krise werden Karrieren entschieden“

Das Trio aus Home Office, Homeschooling, Haushalt birgt deutliche Karrierenachteile. Es wirft Frauen vor allem in Niedriglohnjobs und bei hoher häuslicher Belastung in der Krise um Jahre zurück. „Wir nennen das die Dreifachbelastung durch die drei H’s“, sagt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE).

In den vergangenen zwölf Monaten fiel der Betriebswirtin eines besonders auf: Sobald Frauen ihr Jobpensum herunterfahren, sind sie nicht mehr sichtbar am Arbeitsmarkt. Was das so gefährlich mache, sei der Zeitpunkt. „Während Männer ihre Arbeitszeit in der Krise erhöht haben, reduzieren Frauen sie — in einer Situation, in der man belastbar sein und alle Kräfte bündeln müsste. Das reduziert ihre Arbeitsmarktchancen erheblich“, glaubt Rump. „In der Krise werden Karrieren entschieden.“

Sie kenne Frauen, die von Anfang an strikt für sich entschieden, für das Homeschooling ihrer Kinder Privatlehrer zu engagieren. „Manche konnten sich das nicht leisten, aber wussten, dass sie perspektivisch sonst das Nachsehen haben“, sagt Rump. „Sie haben Geld, das für Urlaub vorgesehen war, so in sich selbst investiert.“

Systemrelevante Berufe: „Frauen haben keine Wahl“

Anderen wiederum, etwa Frauen in systemrelevanten Tätigkeiten wie Pflege oder Handel, bringe die Sichtbarkeit am Arbeitsmarkt nichts, obwohl sie Außerordentliches leisteten. Krise und Fachkräftemangel treffen hier aufeinander. Das lasse vielen Frauen keine Wahl, sagt Rump. „Sie haben Erfahrungswissen und Engagement, können aber nach der Krise vielleicht nicht mehr und werden krank.“    

Der Gender Pay Gap benachteiligt Frauen zusätzlich. Obwohl sie beispielsweise in der Pflege und in Krankenhäusern die Mehrheit der Beschäftigten stellen, verdienen sie bei gleicher Leistung 4,2 Prozent beziehungsweise 8,3 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. In Supermärkten, wo ebenfalls mehr Frauen als Männer arbeiten, liegt die Differenz sogar bei 12 Prozent. Das ermittelten die Plattform Gehalt.de und die comdirect-Initiative finanzheldinnen anlässlich einer Studie zum Equal Pay Day.

Arbeitszeit: Die Gefahr dauerhafter Benachteiligung

Was fehlt? Flexibilität. „In der Krise muss man da sein, punktgenau liefern, gute Ideen zeigen“, sagt Jutta Rump. „Wer das nicht tut, weil andere Dinge wichtiger sind, ist im Nachteil.“ Sichtbarkeit bedeute auch schnelles Reagieren und eine hohe Leistungsbereitschaft. „Diese Krise ist disruptiv“, so Rump. „Frauen, die reduzieren, könnten sich dauerhaft ins Aus setzen.“  

Wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert werde, könnte sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern jetzt verschärfen, sagt Bettina Kohlrausch vom WSI.  Karriereexpertin Katrin Luzar von Monster wünscht von Unternehmen neben flexiblen Arbeitszeitmodellen „eine offene, lösungsorientierte Haltung, wenn Frauen zum Beispiel Lockdown-bedingt noch mehr in die Zerreißprobe zwischen Job und Familie geraten als sonst“.

„Wirtschaftskrisen sind Männerkrisen, die Pandemie ist eine Frauenkrise“

Ein Instrument dazu das „Zweite Führungspositionengesetz“ von Februar 2020, die Frauenquote. „Top-Positionen mit einer Quote zu belegen, ist in der Krise wichtiger denn je“, sagt Jutta Rump.

Monika Schnitzer, als Wirtschaftsweise Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung, sieht die Quote als ein politisches Mittel, um Geschlechter-Stereotype in der Gesellschaft auszuhebeln. Das könnte ein Umdenken zugunsten von Frauen anstoßen, sagte Schnitzer auf einer Podiumsdiskussion der Munich Economic Debates des ifo Instituts am 1. März im Gespräch mit Aufsichtsrätin Janina Kugel und Wirtschaftsforscherin Michèle Tertilt von der Universität Mannheim zur Situation von Frauen in der Corona-Pandemie.

Tertilt zeigte anhand globaler Arbeitsmarktdaten, dass die Pandemie anders als Wirtschaftskrisen eine Krise der Frauenarbeitszeit ist. Während in Wirtschaftskrisen mehr als 75 Prozent der volatilen Arbeitsstunden von Männern kommen, beschneidet die Corona-Pandemie vor allem die Erwerbstätigkeit von Frauen.

Nach ihren Wünschen für Frauen gefragt, nannten Tertilt, Kugel und Schnitzer in der ifo-Diskussion politische Mittel wie eine Individualbesteuerung nach dem Vorbild Schwedens, die Reform oder Abschaffung des Ehegattensplittings, mehr Geld für Bildung und ein Gender-gerechtes Budgetieren im Bundeshaushalt. In der Studie des WSI ist auch die Aufwertung der sozialen Dienstleistungsberufe als Ansatz für die Zukunft genannt.  

Initiativen für mehr Diversität: noch ohne Effekt

Bis es soweit ist, stellt Deutschland in internationalen Studien zu Diversity, Equity und Inklusion immer noch entweder das Schlusslicht oder Rankingplätze im unteren Drittel, beklagt Victoria Wagner, Unternehmerin und Kommunikationsexpertin. Etwa bei der Überwindung der Geschlechterungleichheit.

Wagner rief 2020 die „Beyond Gender Agenda“ für Diversität und Inklusion in Führungsetagen ins Leben. Die erste Studie der Initiative zeigte, dass der durchschnittliche Anteil an Frauen in den Vorständen börsengelisteter Unternehmen nur bei zehn Prozent liegt.

Learnings für Politik und Unternehmen – und Rat einer Burnout-Expertin

Das Leben von Frauen könnte sich durch einen Dreiklang von Lösungen bessern:  eine aktivere Politik, die Frauen nicht mehr das Gefühl gibt, übersehen zu werden. Mehr Support durch Arbeitgeber. Mehr Achtung und Unterstützung von Frauen — auch untereinander. Instrumente wie die Abschaffung des Ehegattensplittings oder eine gerechtere Entlohnung wären erste Schritte nach vorn. Unternehmen müssten den „mental load“ von Frauen anerkennen und sie darin unterstützen, perspektivisch wieder sichtbarer zu werden.

Da Frauen anders mit Stress konfrontiert sind als Männer, müssen sie auch auf sich selbst achten. Das Delegieren von Aufgaben ist ein Weg zu mehr Freiraum. Es lässt sich wie eine neue Haltung trainieren.

Für Helen Heinemann, Leiterin des Instituts für Burnout-Prävention in Hamburg, fängt Me-Time von Frauen im Kleinen an. Im Homeoffice seien viele kleine Unterbrechungen ein Weg, Stress abzufangen. „Lasst euch vom Smartphone alle 90 Minuten erinnern, 10 Minuten Pause zu machen“, rät Heinemann, deren Buch „Irgendwas muss anders werden! Neue Wege aus der Erschöpfung gerade bei Rowohlt erschienen ist. „Je größer der Stress, desto weniger registrieren wir unser Bedürfnis nach Pausen.“ Wichtig dabei: sofort beginnen. Egal, was gerade ist.  

Jetzt sollte der Blickwinkel ein anderer werden, rät die Expertin. „In Pausen sollten wir das Gegenteil von dem tun, was vorher dran war. Dann sind Unterbrechungen am wirkungsvollsten.“ Geht raus, blickt in den Himmel. Hört euren Lieblingssong und tanzt durch die Wohnung. „Eine Übung, die auch zeigt, dass man seinen Körper regelmäßig fühlen sollte.“


Rowohlt Verlag

Raucherinnen seien im Vorteil: „Sich Zeit nehmen, in die Luft gucken, schweigen, den Moment für sich strukturieren – das kann man sich abgucken, ohne das Rauchen anfangen zu müssen,“ sagt Nichtraucherin Heinemann, die vier erwachsene Kinder hat und Stress kennt.   

Ihr habt einen eigenen Raum nur für euch? Einen Platz in der eigenen Wohnung? Nein? „Schafft euch diesen Raum“, rät sie. Wer den Platz nicht habe, könne eine Ecke in einem Zimmer für sich gestalten. Raumtrenner, Paravents, flexibles Mobiliar oder Leuchten trennen Bereiche auch optisch ab. „Kinder können lernen: Der Platz gehört euch, das braucht allenfalls etwas Übung“, sagt Heinemann.

Sie hat in den letzten Jahren rund 3.000 Menschen in Workshops Methoden zur Stressbewältigung vermittelt, zwei Drittel davon Frauen. Und dabei erfahren: Fast keine hat diesen eigenen Rückzugsort. „In einem meiner Workshops saß eine Architektin, die hat kurzerhand nach dem Seminar für mehrere Frauen Wohnungspläne skizziert, um diesen Raum einzuplanen“, erzählt sie. Warum so ein Platz Gold wert ist? Er steht symbolisch für Distanz zur Welt.

„Die Höhe des Anspruchs ist auch unsere Fallhöhe“

Auch eine strukturierte Arbeitszeit kann Alltage im Homeoffice entzerren. Wenn Partner häufig nebeneinander arbeiten, lässt sich die Arbeitszeit in Absprache miteinander planen. Wer hat wann welches Meeting? Wer sitzt wo? Wann gibt es Auszeiten? Wer ist für welche Dinge in der Familie zuständig? „Gewöhnt euch Absprachen an und haltet euch daran“, rät Heinemann.

Der vielleicht wichtigste Hinweis der erfahrenen Therapeutin an Frauen aber lautet: Loslassen. Ansprüche reduzieren. „Ein Teil von Stress und Erschöpfung stammt von unserem eigenen Anspruch“, sagt sie. Die Höhe des Anspruchs sei auch die Fallhöhe der Frauen. Kann ich Arbeit delegieren? Können Partnerin oder Partner bestimmte Dinge übernehmen? Ja — und was, wenn die alles anders machen? Eine Chance. Vielleicht sind die eigenen Vorstellungen nicht die einzig zulässigen. Mögliches Nebenprodukt dieser Haltung: Erlebnisse, die zu netten Erinnerungen an diesen endlos langen Lockdown werden.

Equal Pay Day 2021 – Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern

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