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Project Titan: Das wurde aus Blizzards Sci-Fi-MMO



Blizzard ist plötzlich wieder da und World of Warcraft: Shadowlands war das bestverkaufte PC-Spiel des Jahres 2020. Und ja, es gab mal ein Sci-Fi-MMO, eine Art WoW mit Star-Wars-Flair, in dem wir als Ingenieur Gebäude und Roboter hätten bauen können, als CEO Konzerne leiten oder ganz klassisch als Soldat in den Krieg ziehen sollten. Es hieß Titan.

Project Titan war sieben Jahre in Entwicklung. Sieben Jahre. 140 Entwickler haben daran gearbeitet. Blizzard soll hundert Millionen US-Dollar in sein Sci-Fi-MMO investiert haben, bevor es den Stecker gezogen hat. „Wir hatten World of Warcraft entwickelt, ich schätze wir hatten das Gefühl, für MMOs ein gutes Händchen zu haben. Also haben wir angefangen, das ambitionierteste Spiel zu designen, das wir uns intern vorstellen konnten. Aber wir fanden den Spaß nicht. Die Passion.“ Und das war das Ende von Titan, welches 2014 eingestellt wurde, wie Blizzards Co-Founder und damaliger CEO Mike Morhaime den Kollegen von Polygon erzählte. 

Und das ist schade, denn Titan war unfassbar ambitioniert – ein wilder Mix aus WoW und Eve Online, was wir so hören von Menschen, die daran gearbeitet haben oder jemanden kennen, der daran beteiligt war. Was wir so herausgefunden haben, sollte Titan auf der Erde der Zukunft spielen sowie einem planetaren System, bereist durch Raumschiffe, ganz ähnlich wie etwa einem Mass Effect. Es sollte drei Fraktionen geben, die in einer Art kalten Kriegs um die Kontrolle über diese Planeten kämpfen sollten. Die Zonen auf der Erde sollten sich von der Westküste der Vereinigten Staaten bis nach Europa, Südamerika und Australien ziehen.

Titan lebt in Overwatch weiter, zumindest im ganz Kleinen.

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Titan lebt in Overwatch weiter, zumindest im ganz Kleinen.

© Blizzard, Komposition: PC WELT

Vom Konzept her hätte es wohl lose so funktioniert: Im Grundspiel hätten wir die Kontrolle über die Erde übernommen, Blizzards Idee war es dann, Expansions zu entwickeln, die andere Planeten hinzuzufügen. Als Berufe gab es etwa Kommandeure, die eher für das strategische Aufstellen von Truppen verantwortlich waren. Aber auch Panzer-Führer, Special Forces oder klassische Soldaten – man könnte sich das wohl lose wie Star Wars: Battlefront vorstellen, nur eben als MMO. 

Es sollte aber auch Ingenieurswesen und Unternehmertum geben. Um regelrechte Corporations hochzuziehen, in der andere Spieler arbeiten können – das klingt zumindest nach den Ambitionen, die etwa ein Eve Online hat. In Eve Online gibt es regelrechte Konzerne, inklusive Boards, Vice Presidents und einem CEO, die strategische Entscheidungen für die Corporation treffen und vom Board gewählt werden. Ingenieure hätten wohl eher Panzer, kleinere Roboter und große Mechs entwickelt – quasi riesige Mounts, die aktiv in den Kampf eingreifen können. 

Möglicherweise sind all diese enorm ambitionierten Ideen der Grund, warum es Blizzard so schwer fiel, diese Magie von World of Warcraft auf das neue Spiel zu übertragen. Denn WoW ist von der Struktur her sehr simpel – alle Spieler kämpfen, grinden und handeln dort. Es gibt dort keine Option, einfach nur Zivilist zu sein, der sich komplett aus allen Kampfhandlungen raushält. Und Blizzard hatte Ambitionen, die zehn Mal größer waren als alles, was WoW je gemacht hat.

CEO oder Ingenieur am Tag und die Schlacht wartet in der Nacht

Die Roboter, die recht wichtig sind für Overwatch, sollten zum Beispiel von Ingenieuren mit Blaupausen gebaut und geupgradet werden. So wie das letztlich mit LEGO umgesetzt wurde.

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Die Roboter, die recht wichtig sind für Overwatch, sollten zum Beispiel von Ingenieuren mit Blaupausen gebaut und geupgradet werden. So wie das letztlich mit LEGO umgesetzt wurde.

© LEGO

Blizzards Idee war es, das MMO in Tag und Nacht zu unterteilen: Ab einem bestimmten Zeitpunkt würden die Schlachten losbrechen, aber am Tag sollten Spieler einen zivilen Beruf ausüben können. Sie arbeiten für eine dieser Mega-Corporations dieser Welt der Zukunft. Und wenn ein Alarm los schallt, springen Sie in Ihr Kampf-Outfit, ab ins Raumschiff, rauf aufs Schlachtfeld. Oder Sie können den Kampf einfach ignorieren und Ihre Arbeit fortsetzen, was auch lustig klingt. Weil warum eigentlich nicht? Es sollte sehr viel zu tun geben, vom Basteln an Fahrzeugen als Mechaniker bis zur Führung Ihres eigenen Geschäfts als Unternehmer. 

Die Spieler könnten aus Klassen mit Namen wie Reaper, Jumper, Titan, Ranger und Juggernaut auswählen, von denen jede laut eines großen Reports auf Kotaku ihre eigenen speziellen Kampffähigkeiten haben und Items haben sollten. Jumper wären zum Beispiel agile Späher mit einer Teleportations-Fähigkeit und der Fähigkeit, schnell in den Kampf hinein und aus ihm heraus zu springen. Titans hätten die Rolle des Tank eingenommen, während Rangers Scharfschützen mit Tarnung und anderen Fähigkeiten waren – wie Nova aus Starcraft Ghosts, welches leider auch gecancelt wurde. 

Die Idee an sich lebt weiter in Overwatch, nur eben runtergebrochen auf einen Multiplayer-Hero-Shooter. Tracer etwa repräsentiert genau diese Jumper-Klasse, Sniper Ana ist recht nah dran an Nova.

Blizzards Vision war es, dem Krieg ein menschlicheres Gesicht zu geben. Wir sollten uns etwa um unser Kind sorgen, wenn ein Angriff droht, was dem MMO eine emotionalere Geschichte verleihen sollte.

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Blizzards Vision war es, dem Krieg ein menschlicheres Gesicht zu geben. Wir sollten uns etwa um unser Kind sorgen, wenn ein Angriff droht, was dem MMO eine emotionalere Geschichte verleihen sollte.

© Blizzard

Der Titel war von der zentralen Einsicht durchzogen, dass Soldaten im Krieg oft ganz normale Frauen und Männer sind. Nicht zwingend Berufssoldaten, sondern Menschen, die von ihrem Staat gezwungen werden zu kämpfen. Es soll dieses berühmte Meeting gegeben haben, wo Blizzard Titan als ein Spiel vorstellte, in dem wir ein Koch sein könnten. Er stellt es in den Ofen, streift seinen “Superhelden“-Anzug, also seine futuristische Schutzuniform, über und zieht in den Krieg. Später kommt er zurück, um das perfekt gekochte Gericht seinen Gästen zu servieren. 

Chris Metzen, Blizzards Senior Vice President für Story- und Franchise-Entwicklung, bezeichnete die Entscheidung, Titan zu canceln im Gespräch mit Polygon,  als “qualvoll”. “Es ist immer sehr, sehr schwer, solche Entscheidungen zu treffen. Es war schwer, als wir Warcraft Adventures gecancelt haben . Es war schwer, als wir StarCraft Ghost abgesägt haben. Und es war brutal, Titan einzustampfen.“

Blizzard hatte zahlreiche “The-Sims“-Entwickler eingestellt, um Dating zu implementieren

Via Linkedin lässt sich herausfinden, dass Blizzard viele Designer von Maxis eingestellt hat – das Team rund um The Sims.

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Via Linkedin lässt sich herausfinden, dass Blizzard viele Designer von Maxis eingestellt hat – das Team rund um The Sims.

© Electronic Arts

Weil World of Warcraft so viele Menschen auch im Leben zusammengeführt hat – Menschen, die sich in Online-Welten kennenlernten und dann in der Realität heirateten, soll Blizzard an komplexen Systemen gearbeitet haben, um seinen Spielern signifikant mehr Optionen zu geben, auf Dates zu gehen in Restaurants, zu heiraten, Familien zu gründen, ihr eigenes Hightech-Loft auszustatten. 

Weil das etwas außerhalb des Skillsets von Blizzard ist, hat man dafür eine Menge Entwickler von Maxis abgeworben – also Experten für die Lebenssimulation “The Sims“. Laut einer Person, die an dem Spiel gearbeitet hat, bestand das Ziel darin, Städte zu bauen, die sich wie lebendige Welten anfühlten, voller Unternehmen, Geschäfte und NPCs, mit Zeitplänen und Verhaltensweisen, die darauf basieren, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah. Dafür war ein enorm komplexes KI-System in Entwicklung, eines der Gründe, warum das Spiel so extrem lange in Produktion war. Ein ehrgeiziges geplantes System würde NPCs dazu bringen, Spieler anhand ihrer vorherigen Interaktionen zu erkennen. Beispielsweise hätte ein Ladenbesitzer möglicherweise anders mit Ihnen interagiert, wenn Sie ein häufiger Kunde wären und entsprechende Boni angeboten.

Blizzard wollte eine Spielwelt schaffen, in der das Führen von Unternehmen, Dating, Ingenieurswesen etc. genauso wichtig sind wie der Kampf. The Sims meets WoW im Star-Wars-Universum quasi.

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Blizzard wollte eine Spielwelt schaffen, in der das Führen von Unternehmen, Dating, Ingenieurswesen etc. genauso wichtig sind wie der Kampf. The Sims meets WoW im Star-Wars-Universum quasi.

© Electronic Arts

Auch sollten NPCs auf unser Handeln reagieren – Blizzard hatte Ambitionen, die erst sehr viel später auf der KI-Seite etwa in Red Dead Redemption 2 umgesetzt wurde. Dieses basiert auf einer revolutionären KI-Engine, in der etwa eine Frau uns auch Stunden nachdem wir ihrem Ehemann die Faust auf die Nase haben fallen lassen, erkennt und an ihren Bruder meldet, der uns vom Pferd zieht und uns gehörig die Leviten liest. Ähnliche Pläne hatte wohl auch Blizzard – weil wir als Soldaten Menschen töten, die ebenfalls Familie haben. 

Project Titan ist laut Blizzards Management einer der Gründe, warum das Studio in den Jahren danach viele kleine Projekte entwickelt hat – Hearthstone etwa, welches mit einem winzigen Team startete und nur kurze Zeit in Entwicklung war. Es launchte schnell, wurde zum Mega-Erfolg. Und ist ein bisschen Schuld daran, warum sich Blizzard aktuell nicht mehr an große Projekte wagt. Mini-Projekte wie Hearthstone, die von 10 bis 15 Leuten als Kernteam entwickelt werden können, bevor man ihnen mehr Ressourcen zur Verfügung stellt, bedeuten kaum Risiko. 

Titan ist übrigens nicht ganz gestorben, die Essenz seiner Welt, diese Sci-Fi-Pixar-Welt erleben wir in Overwatch. Nur eben in ganz klein, als Hero-Shooter. Nicht als gigantisches MMO, zu dem hoffentlich irgendwann nochmal Gameplay-Szenen ihren Weg auf Youtube finden werden. Blizzards Team hat es sich verdient zu zeigen, was hätte sein können. Wie Jason Schreier schon damals erzählte, sollte Titan letztlich Overwatch als MMO sein. Eine Pixar-ähnliche Welt, mit der Story-Tiefe von World of Warcraft und all diesen faszinierenden Facetten? Es klingt wie ein spielbarer Traum, der leider nie Wirklichkeit werden wird.

Lesetipp: 

Overwatch 2 Preview – Inspiriert von The Avengers Endgame

Man wählte den Projektnamen Titan, weil das Spiel weit über Blizzards Fähigkeiten hinaus ging. Man musste das Fliegen von kleinen Gleitern sowie größeren Raumschiffen im Star-Citizen-Stil umsetzen und diese hunderten komplexen Elemente einbauen.

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Man wählte den Projektnamen Titan, weil das Spiel weit über Blizzards Fähigkeiten hinaus ging. Man musste das Fliegen von kleinen Gleitern sowie größeren Raumschiffen im Star-Citizen-Stil umsetzen und diese hunderten komplexen Elemente einbauen.

© Blizzard

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