Coronavirus

Verschwörungstheorien ums Impfen belasten Familien und Freundschaften

Impfgegner protestieren am 30. August 2020 vor dem Massachusetts State House in Boston. Ein Mitarbeiter bekommt am 29. Januar 2021 im Fenway Park in Boston eine Dosis des Covid-19-Impfstoffs.

Scott Eise and Joseph Prezioso/AFP via Getty Images

Der 37-jährige Paul ist ein Bauarbeiter aus Glasgow. An Weihnachten stritt er mit seiner Familie über ihre Meinung bezüglich des Impfens. Er berichtet: „Dank der Ausnahmegenehmigung für Weihnachten, die in Schottland beschlossen wurde, freute ich mich wirklich sehr, meine Familie nach einem sehr schwierigen Jahr wiederzusehen. Wir sprachen darüber, wann das alles vorbei und das Leben wieder normal sein würde. Ich sagte, dass ich es nicht erwarten konnte, bis der Covid-19-Impfstoff auch für mich verfügbar sein würde.“ Paul bat NewsABC.net, seinen Nachnamen nicht zu veröffentlichen.

„Ich dachte laut darüber nach, welchen Impfstoff ich wählen würde. Dann verkündete meine Schwägerin lautstark, dass sie sich keinen von ihnen verabreichen lassen würde. Als ich sie ruhig nach dem Grund dafür fragte, erwiderte sie wütend, dass sie sich nichts mit so viel Quecksilber in den Körper spritzen lassen würde“, fuhr Paul fort.

„Als ich versuchte, ihr die Vorteile von Impfungen zu erklären, wurde sie nur noch frustrierter und versetzte der Stimmung für den restlichen Tag einen Dämpfer. Ich habe seitdem weder mit ihr noch mit meinem Bruder gesprochen. Und das, obwohl meine Frau und ich in den letzten zehn Jahren jeden Neujahrstag mit ihnen verbracht haben.“ Dass die Ideen von Impfgegnern einen Keil zwischen Familie und Freunde treiben wie in Pauls Geschichte, ist — wie die Coronavirus-Pandemie selbst — ein globales Phänomen.

Auch die 22-jährige Azeza, eine Jurastudentin aus Kapstadt in Südafrika, die ihren Nachnamen nicht verraten wollte, verlor aufgrund einer hitzigen Debatte zwei gute Freunde. Sie erzählt folgende Geschichte: „Der erste Streit war ungefähr im November. Wir haben uns über Covid-19 und Impfstoffe unterhalten. Da sagten sie, dass sie sich nicht impfen lassen wollten, da der Impfstoff ein Mikrochip sei.“

Als Beweis lieferten sie ein Youtube-Video zu einer Verschwörungstheorie. „Sie sagten außerdem, dass dieses Thema auch in ihrer Kirche diskutiert wurde. Ich fing an, mehr Fragen zu stellen. Zum Beispiel, wie ein Mikrochip eingepflanzt werden kann, wenn der Impfstoff flüssig ist. Daraufhin blockierten sie mich.“

„Das Werk des Teufels“

Angesichts der Markteinführung der Covid-19-Impfstoffe haben Coronavirus-Skeptiker in den sozialen Medien ihre Impfgegner-Ansichten verbreitet. Im Jahr 2020 warnten sie bereits vor einer „plandemischen“ Coronavirus-Verschwörung, behaupteten, dass der Standard-Covid-19-Test, PCR, zu 93 Prozent falsch-negative Ergebnisse lieferte und bezeichneten all diejenigen als „Schafe“, die anderer Meinung waren als sie. Nun steht der Start der Massenimpfung im Mittelpunkt.

Die Ansichten von Impfgegnern gehen auf das 18. Jahrhundert und die Entdeckung des ersten Pockenimpfstoffs zurück. In den USA wurden Impfstoffe von religiösen Anführern als „Teufelswerk“ verurteilt. Die heutige Impfgegner-Bewegung wurde 1998 geboren. Damals brachte eine britische Studie von Andrew Wakefield den MMR-Impfstoff, der gegen Masern, Mumps und Röteln schützt, mit Autismus in Verbindung.

Holly ist eine 42-jährige Raumfahrtingenieurin aus Houston in Texas, die NewsABC.net ebenfalls bat, ihren Nachnamen nicht zu veröffentlichen. Sie hat sich mit ihrer Cousine zerstritten und jahrelang nicht mit ihr gesprochen. Ihre Cousine hatte gesagt, dass sie darüber nachdenke, ihren zwei Monate alten Sohn nicht gegen MMR impfen zu lassen.

Laut ihrer Cousine hatten Facebook-Freunde darüber berichtet, dass ihre Kinder anfingen, sich nach der Impfung seltsam oder anders zu verhalten. „Für mich war klar, sie suchte nur einseitig nach Bestätigung“, sagte Holly. „Ich sagte, dass es ihrem Sohn gegenüber nicht fair war, denn er könne daran erkranken. Sie schien sich nicht darum zu kümmern oder es für ein Problem zu halten.“

Inzwischen ist die Wakefield-Studie diskreditiert und dem ehemaligen Arzt wurde die ärztliche Approbation entzogen. Dennoch nährt sie noch immer die Impfgegner-Bewegung, die sie ausgelöst hat. Heute gilt ihr Widerstand der Massenverteilung des Covid-19-Impfstoffs.

Andrew Wakefield mit seiner Frau Carmel auf dem Gelände des General Medical Council in London am 28. Januar 2010.
Andrew Wakefield mit seiner Frau Carmel auf dem Gelände des General Medical Council in London am 28. Januar 2010.

Shaun Curry/AFP via Getty Images

„Eine außergewöhnliche Zeit“

Im Jahr 2019 prognostizierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Impfverweigerung neben Ebola, HIV und Dengue-Fieber zu den zehn größten globalen Gesundheitsbedrohungen gehören wird. Häufige Missverständnisse und Impfängste sind:

  • Impfstoffe können schwere Nebenwirkungen und Krankheiten verursachen
  • Expertinnen und Experten, ebenso wie Ärztinnen und Ärzten ist nicht zu trauen
  • Der Glaube an weit verbreitete Verschwörungstheorien
  • Bedenken, dass das Impfen gegen die Menschenrechte verstößt
  • Angst vor Nadeln

Mehr als ein Viertel der Menschen in den USA wollen sich definitiv oder wahrscheinlich nicht impfen lassen, so die jüngste Marktforschung von Kantar. Sogar mehr als ein Drittel ist der Meinung, dass die Impfstoffe nicht sicher sind. In Frankreich sind es fast vier von zehn Personen. Junge Menschen sind die größten Impfverweigerer. Nur 32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in sieben Ländern gaben an, dass sie sich auf jeden Fall impfen lassen würden.

Douglas J. Opel ist Direktor für klinische Ethik am Seattle Children’s Hospital. Er sagte im Gespräch mit NewsABC.net: „Es ist eine außergewöhnliche Zeit in Bezug auf Impfstoffe. Es ist das erste Mal, dass ein Impfstoff durch eine Notfallgenehmigung für die breite Öffentlichkeit verfügbar gemacht wurde.“ Ihm zufolge sind die Hauptbedenken, die er wahrgenommen hat, dass die Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs zu schnell gewesen ist um sicher zu sein. Außerdem gebe es falsche Vorstellungen über die Ernsthaftigkeit des Virus.

„Ich denke, wir müssen unterscheiden zwischen der Abneigung gegen einen Covid-Impfstoff und dem Zögern bei allgemeinen Routineimpfungen. Was beides gemein hat, ist der Mangel an Vertrauen. Vertrauen in die Systeme, die Impfstoffe entwickeln, genehmigen und überwachen, sowie in die Menschen, die sie empfehlen und befürworten“, fügte Opel hinzu.

US-Präsident Bill Clinton und Vizepräsident Al Gore helfen einem Überlebenden des Tuskegee-Experiments während einer Nachrichtenkonferenz am 16. Mai 1997.
US-Präsident Bill Clinton und Vizepräsident Al Gore helfen einem Überlebenden des Tuskegee-Experiments während einer Nachrichtenkonferenz am 16. Mai 1997.

Doug Mills/AP Photos

Die Tuskegee-Studie

In den USA ist die Angst vor Massenimpfungen am weitesten in der Black Community verbreitet. Das historische Gedächtnis vieler Menschen dieser Gemeinschaft ist gezeichnet von unethischen Experimenten, darunter die berüchtigte Tuskegee-Studie. Im Jahr 1932 begann das Tuskegee-Experiment: 600 schwarzen Männern wurde eine kostenlose Gesundheitsversorgung versprochen im Gegenzug zur Teilnahme an einer Studie am damaligen Tuskegee Institut in Macon County in Alabama. Unter ihnen waren auch viele an Syphilis erkrankt.

Die Studie wurde von dem US Public Health Service geleitet. Den Teilnehmern wurde gesagt, dass sie gegen „böses Blut“ behandelt werden. Dieser Begriff wurde seinerzeit häufig für diverse Erkrankungen benutzt. Tatsächlich wurden sie aber nur von dem Gesundheitspersonal überwacht. Den 399 Männern, die an Syphilis erkrankt waren, wurde kein Penicillin verabreicht. Und das, obwohl sich Penicillin bis 1945 als empfohlene Behandlung für Syphilis etablierte. Zeitgleich lief die Studie weiter.

Am 16. Mai 1997 entschuldigte sich US-Präsident Bill Clinton offiziell für die Tuskegee-Studie über unbehandelte Syphilis-Erkrankungen bei schwarzen Männern. Der Immunologe Anthony Fauci sagte über die Black Community: „Sie schauen immer wieder zurück und erzählen die Geschichte von Tuskegee. Sie sollten, dürfen und werden es nicht vergessen. Denn es ist passiert und das ist eine Schande.“ Impfgegner-Aktivisten versuchen jetzt, medizinischen Rassismus zu instrumentalisieren und bezeichnen dies als „neue Apartheid“.

„Falschinformationen kosten Menschenleben“

Das Ziel der neuen Narrative von Impfgegnern ist es, die Erinnerung an den Völkermord der Nazis zu veruntreuen. Am Donnerstag wurde Piers Corbyn, der ältere Bruder des britischen Politikers Jeremy Corbyn, verhaftet. Er hatte Flugblätter verteilt, die den Start der Covid-19-Impfkampagne mit dem Transport von Jüdinnen und Juden nach Auschwitz verglichen. Auf den Flugblättern ist eine Zeichnung des Konzentrationslagers in Polen. Der höhnische Slogan auf den Eingangstoren „Arbeit macht frei“ wurde ersetzt durch „Impfstoffe sind ein sicherer Weg in den Frieden“.

Diese Flugblätter hat Piers Corbyn verteilt.
Diese Flugblätter hat Piers Corbyn verteilt.

Handout

Der Stadtrat Kieron Williams ist Vorsitzender für den Südlondoner Bezirk Southwark. Dort wurde Corbyn verhaftet. Williams sagte, dass diese bösartigen Botschaften die öffentliche Ordnung störten und besonders die Ängste von Menschen befeuerten, die ohnehin einem höheren Covid-19-Risiko ausgesetzt waren — so auch insbesondere Menschen mit einem BAME-Hintergrund (Black, Asian and minority ethnic).

Die Vielzahl falscher Informationen hat den Druck auf Social-Media-Unternehmen erhöht. Der Chef des Center for Countering Digital Hate, Imran Ahmed, sagte im Gespräch mit NewsABC.net: „Dass sie Trump die Plattform genommen haben, zeigt nur, dass sie verstehen, wie viel Einfluss sie auf die reale Welt haben können.“

Tiktok verkündete, dass das Unternehmen eine Anzeige auf seiner App einführen wollte, die vor „unauthentischen, irreführenden oder falschen Inhalten“ warnt. So wollen sie der Verbreitung von Falschinformationen entgegenwirken, während die Inhalte geprüft werden. Ahmed sagte darüber hinaus: „Einige wenige Menschen profitieren von Falschinformationen, die wiederum andere Menschen töten können. Es ist also absolut kriminell.“

Paul A. Offit ist Direktor des Vaccine Education Center am Children’s Hospital of Philadelphia. Er sagte: „Es ist, als gäbe es eine antisemitische Webseite auf der aus Redefreiheit Hassreden werden. Die sozialen Medien müssen dringend ihre Plattformen aufräumen.“

In der Zwischenzeit schädigt der Impfgegner-Aktivismus weiterhin das Verhältnis von Familien und Freundschaften und die Meinungsverschiedenheiten werden immer frustrierender. Der letzte Streit zwischen Azeza und ihren früheren Freunden war sehr schlimm und persönlich: „Sie veröffentlichten immer wieder einen neuen Whatsapp-Status oder eine neue Instagram-Story, die diverse Verschwörungstheorien über die Impfstoffe und das Coronavirus thematisierten. Ich habe sie jedes Mal darauf aufmerksam gemacht und jedes Mal begannen wir zu streiten.“

„Auch der Rest unserer Freundesgruppe versuchte, sie über das Thema aufzuklären, insbesondere darüber, dass das Coronavirus keine Fake-News ist. Sie sagten nur, es würde sie nicht kümmern. Alles was sie interessierte, waren die Verschwörungstheorien. Sie behaupteten sogar, dass die Regierung Menschen, die an Covid-19 sterben, bezahlen würde. Das tat mir besonders weh, denn mein Onkel starb am 31. Dezember an Covid-19 und sie wusste das“, sagte Azeza.

„Wir müssen netter und empathischer sein“

Der aus Ohio stammende Ethan Lindenberger ist 20 und ein bekannter Aktivist, der sich gegen die Falschinformationen von Impfgegnern einsetzt. Die ersten Schlagzeilen machte er, als er sich 2018 gegen den Wunsch seiner Mutter impfen ließ, kurz nachdem er 18 Jahre alt war. Er sagte im Gespräch mit NewsABC.net: „Sie war ängstlich, emotional und verwirrt. Sie verstand nicht, wieso ich mich impfen lassen wollte und fragte mich ständig, wie ich mich fühlte — als würde sie erwarten, dass ich jederzeit krank würde. Sie ist zurück nach Texas gezogen, um bei ihrer Familie zu sein. Auf ihren Social-Media-Profilen kann ich allerdings sehen, dass sie während der Corona-Zeit in den Sog von Verschwörungstheorien geraten ist und wirklich daran glaubt.“

Auf die Frage, ob das Impfstoff-Thema im Kreis von Familien und Freunden diskutiert werden sollte, trotz der Möglichkeit, dass die Beziehung daran zerbricht, antwortet Lindenberger: „Es sollte jeden Tag diskutiert werden. Impfstoffe sind eine medizinische Angelegenheit, keine politische. Wir müssen netter und empathischer sein. Und es ist wichtig, dass wir verstehen, wieso Menschen an etwas glauben.“

Dieser Artikel wurde von Ilona Tomić aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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